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Jüdisches Leben in Deutschland: Immer in Gefahr

Jüdisches Leben in Deutschland: Immer in Gefahr
Einschusslöcher an der Synagoge in Halle: Eine Holztür als Lebensretter | Bild: Reise Reise / CC BY-SA 4.0 / Wikimedia

Ein Essay von Dan Ioffe

Die Bonner Synagoge liegt in einer kleinen Nebenstraße der Adenauerallee, nicht weit entfernt von Hofgarten und Fußgängerzonen. Früher war hier das Regierungsviertel, gegenüber liegt das Auswärtige Amt. Die jüdische Gemeinde Bonn hat vergleichsweise nur wenige Mitglieder. Sonntags findet hier Religionsunterricht für Kinder statt, basteln, spielen, lernen. Unter Polizeischutz.

Als ich in der Grundschule war, war ich oft hier. Es ist im Prinzip das gleiche, was Kinder christlichen Glaubens in der Kirche machen. Jeden Sonntag um 15 Uhr in die Synagoge. Wer hinein will, muss an einer Polizeistreife vorbei. Manchmal waren es auch zwei. Danach folgt eine schwere Sicherheitstür, eine Schleuse, noch eine Sicherheitstür und wenig später ist man drin. Ich habe mich nie gefragt, wieso das ganze sein muss, wieso Religionsunterricht mit Kindern durch schwerbewaffnete Polizisten bewacht werden muss, wieso alle Fenster mit kugelsicherem Glas geschützt sind, wieso es in jedem Raum weitere Sicherheitsvorkehrungen gibt, die man vermutlich nicht veröffentlichen sollte. Wieso man seine Religion in der Öffentlichkeit nicht zeigen solle.

2019 bewies, wieso dies nötig ist. Zum einen der Terroranschlag in Halle. Ein Rechtsextremist versuchte am wichtigsten jüdischen Feiertag in die schlecht geschützte Synagoge einzudringen und ein Blutbad anzurichten. Er hätte 68 Menschen getötet. Eine Holztür hinderte ihn. Der Attentäter tötet zwei Menschen auf der Straße und wird später durch das Oberlandesgericht Naumburg zu lebenslanger Haft mit anschließender Sicherheitsverwahrung verurteilt. Im darauffolgenden Jahr gab es 2.351 Fälle von antisemitischer Kriminalität, 57 davon waren Gewalttaten.

Eingang der Bonner Synagoge: Hochgesichert | Foto: Eckhard Henkel / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0 DE

„Egal, wo wir Juden sind, wir sind immer in Gefahr.“

Zum anderen fiel 2019 in Bonn auch ein Urteil gegen einen 21-Jährigen, der sich selbst als „Hitlers Nummer Zwei“ bezeichnet hatte, zu einer viereinhalb jährigen Einheitsjugendstrafe, weil er unter anderem einen jüdischen Professor angegriffen hatte.

Im Mai 2020 beschädigen Jugendliche bei einem Anschlag die Bonner Synagoge und verbrennen eine Israel-Flagge. Vorsitzende Margaret Traub sagte damals dem General-Anzeiger: „Ich bin total deprimiert. Bis jetzt habe ich geglaubt, dass wir hier in Ruhe leben können. Egal, wo wir Juden sind, wir sind immer in Gefahr.“ Sie rechne damit, dass jetzt weniger Mitglieder kommen könnten. Die Tat passierte im Kontext des Israel-Palästina Konflikts.

Im Januar 2022 hat die Generalstaatsanwaltschaft Düsseldorf Anklage gegen einen 17-jährigen Syrer erhoben, der mit Unterstützung des IS einen Terroranschlag auf die Synagoge in Hagen geplant hatte und seit Mitte 2021 in Untersuchungshaft sitzt.

Alle Ereignisse zeigen: Wir haben ein großes Problem mit Antisemitismus in der Bevölkerung. Nicht nur mit anti-jüdischem Terror. In einer für Deutschland repräsentativen Umfrage stimmten 24,6 Prozent der Befragen der Aussage „Auch heute noch ist der Einfluss der Juden zu groß“ teilweise zu, 10,2 Prozent taten dies vollständig.

„Nie wieder“ darf nicht zur Floskel verkommen

In diesem Kontext benutzt man gerne „Nie wieder“. Nie wieder Judenhass, nie wieder Holocaust, nie wieder Krieg. Nahezu inflationär. Nicht, dass Online-Aktivismus schlecht wäre, im Gegenteil hat es das Potenzial viele Menschen auf ein Problem aufmerksam zu machen. Aber bei Online-Aktivismus sollte es nicht bleiben, nicht wenn das Problem eine aktive Bedrohung darstellt. Wenn sich Innenminister und Amtsträger vor Kameras stellen und ein Blatt mit „#Nie wieder“ in die Kamera halten, dann ist das eine wichtige Botschaft. Eine weitere wäre es, Antisemitismus an den anderen 364 Tagen im Jahr zu bekämpfen.

Es kann nicht sein, dass Synagogen zu Hochsicherheitsgefängnissen aufgerüstet werden müssen

Deutschland kann es sich nicht leisten, dass Jüdinnen und Juden Angst haben. Das kann kein Land, aber Deutschland kann es von allen Ländern dieser Welt am wenigsten. Was kann der Staat tun? Erstmal: Aufklären, Aufklären, Aufklären. Ja, es gibt geschichtliche und politische Bildung an Schulen. Das ist sehr wichtig. Die Buchenwaldfahrt, die wir am EKG machen ist bitter nötig. Und das muss bleiben. Denn längst fordern einige Politiker einen „Schlussstrich des Erinnerns.“ Nein, nicht so lange Juden hier in Angst leben müssen und Neonazis aufmarschieren. Es muss klar sein, dass die Nazis nicht eine kleine Gruppe von Hitler-Fanatikern waren, sondern breite Unterstützung in der Bevölkerung hatten.

Zweitens: Antisemitische Straftaten müssen konsequent verfolgt und bestraft werden. Hassrede und Volksverhetzung ist kein harmloses Delikt, sondern eine schwere Straftat und sollte von den Strafverfolgungsbehörden auch so behandelt werden. Rassistische und antisemitische Strukturen in Behörden und insbesondere der Polizei sollten viel stärker verfolgt werden. Jeder Staatsfeind als Staatsdiener ist einer zu viel.

Drittens: Synagogen sollten besser geschützt werden, zumindest solche wie in Halle. Es kann aber eigentlich nicht sein, dass jüdische Gotteshäuser zu Hochsicherheitsgefängnissen aufgerüstet werden müssen, nur weil der Staat Judenhass nicht unter Kontrolle kriegt.

Kaum ein Jude in Deutschland hat nicht darüber nachgedacht, in ein anderes Land zu ziehen. Für Deutschland wäre das angesichts seiner Geschichte ein Zeichen des Scheiterns von Erinnerungskultur und Entnazifizierung.

Am 27. Januar 1945 befreite die Rote Armee die Gefangenen im Vernichtungslager Auschwitz. Daher erinnert man heute an die Millionen Opfer des nationalsozialistischen Terror-Regimes und des Holocausts.

Dan Ioffe

Chefredakteur der KalkuhlSZ

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