Exklusives Interview mit Herrn Wittrock: Corona, das Kalkuhl, Fridays for Future und vieles mehr.

Exklusives Interview mit Herrn Wittrock: Corona, das Kalkuhl, Fridays for Future und vieles mehr.
Nächster Schulleiter: Ingo Wittrock

(Veröffentlicht 17. April 2021, aktualisiert 18. April)

Ein großer breiter, grauer Balken erscheint: »Internetverbindung ist instabil«. Hinter ihm: Herr Wittrock – zumindest sehen die Pixel ihm sehr ähnlich. Die Pixel werden klarer. Herr Wittrock sitzt in seinem Büro, die Sonne strahlt ihm ins Gesicht. Mit ihm spreche ich heute – per ZOOM. Ich wollte eigentlich das Interview in seinem Büro führen – eine Überraschung aus Düsseldorf kam dazwischen: Eine Woche Distanzunterricht. Die nächste folgte am Mittwoch: Nächste Woche wieder Wechselunterricht. Genau darüber will ich mit ihm reden.

Ein Gespräch über Corona, das Kalkuhl, eine politische Generation, ein digitales Zeitalter und ihn.

»Schule hat eine echte Verantwortung, die Schüler darauf vorzubereiten, dass das eines der drängendsten Probleme unserer Erde in den nächsten Jahrzehnten sein wird.«

Ingo Wittrock
Stellvertretender Schulleiter
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Starten wir mit einem kleinen Rückblick. Sie sind seit 1996 Lehrer am Kalkuhl, seit langem bereits stellvertretender Schulleiter, im Sommer werden sie Schulleiter. SDUI Nachrichten kamen trotzdem bisher immer von ihnen, was ändert sich an ihren Aufgaben?

Natürlich ist es so, dass ich in den letzten Jahren, in denen ich Stellvertreter war, auch schon viel von dem übernommen habe, was man in der Schulleitung macht. Herr Drescher und ich waren schließlich gemeinsam die Schulleitung. Insofern denke ich, dass viel von dem, was mich als Schulleiter erwartet, auch jetzt schon zu meinen Aufgaben gehört, da hast du vollkommen recht.

In einem Video der Schule beschreiben sie sich wie folgt: »Mag Technik und Menschen«. Ist Schulleiter – mit vielen Verwaltungsaufgaben – nicht der falsche Beruf dafür?

Ich hoffe mal, dass ich in einer Schule, wo man viel mit Menschen zu tun hat, doch in einem anderen Bereich bin. Schulverwaltung ist ja nicht so zu verstehen, dass man in einem Verwaltungsgebäude – wie beispielsweise in der Stadtverwaltung – sitzt und da Dinge abarbeitet. Ich habe ständigen Kontakt mit meinen Kolleginnen und Kollegen und ich habe nach wie vor natürlich auch Unterricht und dadurch weiter Kontakt mit Schülern. Dann gibt es die SV, oder die Elternvertretung, mit denen man zu tun hat. Es ist also schon sehr viel Arbeit mit Menschen und letztlich ist es genau das, was mich an dieser Aufgabe immer gereizt hat. Eine reine Verwaltungstätigkeit empfände ich nicht so spannend.

Ingo Wittrock

Ist seit 1996 Lehrer am Kalkuhl und stellvertretender Schulleiter. Wird im Schuljahr 21/22 als Nachfolger von Ulrich Drescher Schulleiter. Drescher ist seit 2008 Schulleiter am EKG. Stellvertretende Schulleiterin wird Frau Krüsselmann.

Sie haben als Schulleiter bestimmte Ziele, die sie erreichen möchten. Welche sind das?

Das allererste Ziel und das vielleicht auch wichtigste ist, dass wir eine Schule sein wollen – und ja jetzt auch schon sind -, die sehr viel Wert auf das Miteinander von Schülern, Eltern, Lehrern legt. Eine Schule, in der man gegenseitige Wertschätzung und Toleranz lernt, wo man erkennt, dass miteinander leben, miteinander auskommen, und Konfliktfähigkeit etwas ist, was uns nicht nur in der Schule, sondern in der gesamten Gesellschaft prägt. Deswegen hat die Schule hier die ganz besondere Aufgabe, vorzuleben, wie das geht und den Schülern zu zeigen, welche Dinge man dafür können, lernen und beherrschen muss. Als kleine Schule legen wir zudem sehr viel Wert auf eine fast familiäre Atmosphäre, in der man sich wohlfühlt. Das ist zunächst das Allerwichtigste und die vorderste Priorität.

Darüber hinaus gibt es natürlich ganz viele weitere Dinge, die man sich dann zusätzlich noch vornimmt. Das Thema Digitalisierung ist etwas, was in den nächsten Jahren eine ganz große Rolle spielen wird. Ich weiß nicht, ob du schon mitbekommen hast, dass wir nächstes Jahr in der Klasse 8 den Einsatz von iPads starten wollen. Dann werden die Schüler durchgängig ein solches Gerät zur Verfügung haben. Es soll aber nicht nur ein Pilotprojekt sein, sondern der Startschuss für eine dauerhafte Entwicklung dahin, dass in möglichst kurzer Zeit jeder Schüler ein iPad zur Verfügung hat. Wir wollen das in der Form forcieren, dass es nach und nach in jedem Jahrgang möglich ist, mit iPads zu arbeiten. Dabei wollen wir aber nicht nur einfach ein Gerät zur Verfügung stellen, sondern du kannst dir sicher vorstellen, dass dafür natürlich auch eine Menge an didaktischen und pädagogischen Entscheidungen zu treffen ist. Da geht es dann um Medienerziehung, also um Konzepte, wie man diese digitalen Geräte sinnvoll einsetzt. Die Digitalisierung bleibt also sicher ein großes Thema, auch wenn Corona mal vorbei ist.

Aber auch andere sehr drängende Probleme beherrschen die Welt, insbesondere Umweltaspekte und Nachhaltigkeit. Ich glaube, auch hier hat Schule eine große Verantwortung, Schülerinnen und Schüler darauf vorzubereiten, dass das eines der drängendsten Probleme unserer Erde in den nächsten Jahrzehnten sein werden. Auch das wird hoffentlich etwas sein, womit wir uns dann nach Corona als thematischen Schwerpunkt wieder intensiv befassen können.

Nehmen wir an, sie könnten von jetzt auf gleich eine Sache am Kalkuhl ändern, ohne die Schulkonferenz fragen zu müssen, auch Finanzen spielen keine Rolle: Was würden sie ändern?

Wenn gar nichts eine Rolle spielt, dann würde ich mir wünschen, dass wir einfach ein bisschen mehr Raum schaffen. Wir sind ja eine Schule, die immer sehr beengt ist. Das ist zwar etwas, was an vielen Stellen auch schön ist, weil es irgendwie kuschelig ist und die Atmosphäre unterstützt. Aber an anderen Stellen würde man sich schon wünschen, dass man ein bisschen mehr Raum zur Verfügung hat. Eine Aula wäre z.B. etwas Tolles, wo man einfach mal die gesamte Schule versammeln oder Theateraufführungen durchführen könnte. Wenn ich also hier ein paar Millionen in der Hand hätte und die ausgeben dürfte, dann würde ich sie sicherlich dafür anlegen.

Wie läuft die Digitalisierung am EKG?

Ich glaube, dass wir nicht so schlecht aufgestellt sind, wenn man das mit anderen Schulen vergleicht. Klar gibt es immer welche, die uns da voraus sind, aber ich glaube, wir sind auch nicht schlecht ausgestattet. Die ganzen Digitalisierungsmaßnahmen finanzieller Art, die jetzt Land und Bund zur Verfügung stellen, werden zudem dazu führen, dass sich die digitale Ausstattung der Schule nochmal erheblich verbessert. Dann wird es beispielsweise in jedem Raum digitale Tafeln geben. Da ist also eine Menge im Umbruch.

Glauben sie, dass Tablets und PCs Stift und Papier komplett ersetzen werden, oder glauben sie eher an eine Koexistenz?

In jüngerer Zukunft wird es wohl eine Koexistenz von beidem geben. Aber wenn man mal in den Oberstufenunterricht guckt, ist schon jetzt ein relativ hoher Prozentsatz von vielleicht 20 bis 30 Prozent so weit, dass auch alle Mitschriften komplett auf den iPads angefertigt werden. Das hat ja durchaus auch seine Vorteile, weil man immer eine Struktur hinterlegt hat, immer alle Materialien zur Verfügung hat, möglicherweise sogar auch das Buch mit gespeichert hat. Alles, was man jemals mitgeschrieben hat, ist nicht in irgendeinem Ordner und die losen Blätter gehen irgendwo verloren, sondern man kann alles gut archivieren und immer wieder aufrufen. Das Schreiben auf einem Tablet ist ja letztendlich auch nicht viel anders, als wenn ich in einem Heft schreiben würde. Ich gehe eigentlich fest davon aus, dass in nicht allzu ferner Zukunft alle mit diesen iPads arbeiten werden und das auch als Heftersatz benutzen.

Also könnte man darauf durchaus auch Arbeiten und Klausuren schreiben?

Auch dafür gibt es inzwischen Konzepte. Natürlich müssen sich die digitalen Formate dann an Tests, Klassenarbeiten und Klausuren anpassen. Aber warum soll ich nicht auf einem iPad schreiben und die Datei dann versenden? Da müsste man dann lediglich entsprechende Einrichtungen schaffen, dass Täuschung nicht möglich ist und man nicht auf andere Materialien zurückgreifen kann. Ich weiß nicht, welche technischen Lösungen es dafür geben wird, aber ich glaube schon, dass irgendwann auch Tests, Klassenarbeiten und Klausuren digital erstellt werden.

Fridays For Future hat es bewiesen – unsere Generation ist politisch. Trotzdem kommt die politische Bildung an Schulen sehr kurz. Muss an Schulen mehr diskutiert werden, mehr Allgemeinbildung gelehrt werden?

Ich habe schon gesagt, dass das Thema Klima und Nachhaltigkeit eines ist, das wir unbedingt in den Mittelpunkt stellen wollen. Natürlich ist das auch mit einer politischen Frage verbunden. Ich finde die Fridays for Future Bewegung sehr unterstützenswert. Ich glaube, dass da sich dadurch eine Menge bewegt hat, was sicherlich sonst noch viele Jahre gedauert hätte und ich hoffe sehr, dass das auch eine Nachhaltigkeit im politischen Bewusstsein der Schülerinnen und Schüler erzeugt und sie erkennen, dass es total wichtig ist, sich einzusetzen und nicht nur zu konsumieren. Es ist wichtig, politische Entscheidungen nicht einfach nur hinzunehmen und zu denken, gut, das machen andere für mich, sondern Schülerinnen und Schüler müssen lernen, dass politisches Engagement, also sich mit seinen eigenen Meinungen zu Wort zu melden, etwas ist, was zum Erwachsenwerden zwingend dazugehört.

Um das zu unterstützen, werden wir ab dem nächsten Schuljahr in der Sekundarstufe II auch Sozialwissenschaften als Kurs einführen, sodass jetzt tatsächlich auch ein Unterrichtsfach mit diesem Schwerpunkt belegt werden kann. In der Sekundarstufe I. wird in der Klasse 8 auch ab dem nächsten Schuljahr Politik mit 3 Stunden unterrichtet. Es verändert sich also eine ganze Menge, um diese Ziele tatsächlich auch mit ausreichend Unterrichtszeit verfolgen zu können.

Jetzt beschweren sich viele Schülervertretungen aus dem ganzen Land, dass Vorschläge oft abgeblockt werden?

SV-Arbeit ist ein wichtiger erster Schritt, um ein Gremium zu bilden, welches eine politische Meinung, in diesem Fall eben die Meinung der Schülerschaft, im Schulleben vertritt. Wenn du sagst, da wird viel abgeblockt, finde ich das jetzt nicht ganz richtig. Mitbestimmung bedeutet ja auch, dass man einen Diskurs führt, der natürlich nicht nur dann erfolgreich ist, wenn man seine eigenen Positionen durchgesetzt hat. Vielmehr geht es darum, eine Meinung zu äußern und die Gegenmeinung zu hören und dann miteinander zu einem Kompromiss zu kommen. Ich glaube auch, dass gerade in diesem Schuljahr, in dem ich die SV als sehr aktiv erlebe, diese durchaus Etliches von dem, was sie in den letzten Sitzungen als Anliegen vertreten hat, an unserer Schule anschließend auch wiederfinden konnte. Natürlich wurde nicht 100 Prozent umgesetzt, aber das ist eben die Sache der Kompromissfindung, das A und O eines politischen Diskurses.

Wenn man sich wirklich als Gruppe zusammenfindet, die sich als eine Interessensvertretung versteht und nicht nur als Organisation von Fußballturnieren, dann ist das sicherlich eine richtig gute Sache und auch der erste Schritt zu einer politischen Mündigkeit. Das kann man nur unterstützen.

Kommen wir zu Corona: Neue Regeln kamen entweder spät am Freitagabend oder nur über die Medien. Jetzt waren wir eine Woche im Distanzunterricht, nächste Woche wieder im Wechselmodell. Verbände kritisieren ein unmögliches Hin und Her. Hat die Politik in ihren Augen in Bezug auf die Schule versagt?

»Ich weiß gar nicht mehr, was ich sagen soll. Dieses Hin und Her kann man keinem mehr vernünftig verkaufen. Wenn ich so einen Arbeitgeber hätte wie das Bundesbildungsministerium, dann wüsste ich nicht, wie es mir aktuell gehen würde«
Dario Schramm, Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz

Ich würde mir schon wünschen, dass man für die Umsetzung von Informationen, die man bekommt, mehr Zeit zur Verfügung hat. Tatsächlich ist es oft so gewesen, dass man donnerstags, teilweise auch freitagnachmittags die Information für den nächsten Montag bekam. Das ist insofern unbefriedigend, weil es keine Entscheidungen sind, die man ab dem nächsten Montag einfach ausführt, sondern da ist oft unglaublich viel an Organisationsarbeit und entsprechender Planung mit verbunden. Dann hat man eben oft das ganze Wochenende da gesessen, um zumindest einigermaßen das umzusetzen, was da von einem gefordert wurde. Das, was du angesprochen hast, dieses Hin und Her zwischen Distanzunterricht, Wechselunterricht oder Präsenzunterricht ist auch problematisch. Ich glaube, es wird in der Politik häufig gar nicht gesehen, dass Lehrer eine ganz andere Vorbereitung für den Distanzunterricht haben als für einen Präsenzunterricht, das ist einfach nicht das Gleiche. Ich kann nicht das, was ich thematisch als Distanzunterricht geplant habe, dann in Präsenzunterricht eins zu eins umsetzen und umgekehrt geht es genauso wenig.

Und dieses, heute so und morgen so, ist das, was uns belastet, würde ich sagen, es ist wirklich ungeheuer schwierig. Da hängen ja so viele Sachen dran. Also ich finde, dass man ja oft das Gefühl hat, dass da an der Praxis vorbei entschieden wird.

Vor den Ferien waren wir zwei Wochen im Wechselunterricht, jetzt bald wieder. Große Teile der Wissenschaft halten aber Schulschließungen für ein effektives Mittel gegen Corona, Schulministerin Gebauer möchte am Präsenz- bzw. Wechselunterricht festhalten. Halten sie das Wechselmodell für eine gute Lösung? Ist Präsenzunterricht überhaupt vertretbar?

Der Wechselunterricht ist in meinen Augen nicht immer eine wirklich gute Lösung. Ich muss allerdings auch sagen, dass eine politische Entscheidung natürlich etwas ist, was für alle Schulen des Landes gilt. Was für unsere Schule gilt, kann für eine andere Schule, die sich beispielsweise mit einer Schülerschaft in einem sozialen Brennpunkt auseinandersetzen muss, ganz anders aussehen. Wenn ich nur für unsere Schule spreche, ist der Distanzunterricht an manchen Stellen sicher effektiver als der Wechselunterricht. Ich nenne mal als Beispiel, dass man im Wechselunterricht z.B. in der zweiten Fremdsprachen die Aufteilung in die gewohnten Kurse gar nicht mehr machen kann, da alles im Klassenverband bleiben muss. Man hat also eine vollkommen andere Lerngruppe, die natürlich auch nicht in der Form bedient werden kann, wie sie eigentlich bedient werden müsste. Das ist im Distanzunterricht anders.

Hier kann man in Zoomkonferenzen auch ohne Maske sprechen, was für einen Fremdsprachenunterricht sicherlich eine große Hilfe ist. Breakout-Sessions geben mir Gelegenheit, in kleinen Gruppen mit den Schülern zu arbeiten. In solchen Fällen ist der Distanzunterricht tatsächlich effektiver als der Wechselunterricht. Auf der anderen Seite sind natürlich auch die sozialen Kontakte ganz wichtig, insofern will ich jetzt nicht sagen, man hätte besser die ganze Zeit nur Distanzunterricht gemacht. Ich würde es allerdings tatsächlich für diese zwei Wochen vor Ostern sagen. 5 Tage Unterricht und dafür das Infektionsgeschehen nochmal anheizen, das hat sich für meine Begriffe überhaupt nicht ausgezahlt.

Der deutsche Lehrerverband hält die Lernrückstände wegen der Schulschließungen für sehr groß, er fordert ein freiwilliges Lernjahr. Andere gehen sogar noch weiter, sie fordern alle Schüler ein Schuljahr wiederholen zu lassen. Wäre das für sie eine ernsthafte Möglichkeit?

Wir sind ja jetzt ohnehin schon auf dem Weg in ein Jahr mehr, nämlich von G8 auf G9. Für mich sind vor allem die Schülerinnen und Schüler, die sich im Moment in der Sekundarstufe II befinden, und hier insbesondere die, die vor dem Abitur stehen, diejenigen, die unter dieser Pandemie am meisten zu leiden haben. Ich glaube, wer jetzt in der fünften, sechsten oder siebten Klasse ist, der holt das, was verpasst worden ist, auch über die Jahre wieder auf, insbesondere, weil wir ja durch G9 sowieso ein Schuljahr mehr haben. Darüber hinaus glaube ich, ein Schuljahr grundsätzlich für alle zu wiederholen, ist auch praktisch überhaupt nicht umsetzbar. Ein Schuljahr mehr erfordert neue z.B. Lehrerstellen, das wäre gar nicht so ohne weiteres machbar.

NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) © Raimond Spekking (Creative Commons)

Jetzt beginnt zwar wieder der Präsenzunterricht, grundlegende Fragen sind aber immer noch nicht geklärt: Wie werden Klassenarbeiten geschrieben, wie soll das in Kursen wie Französisch stattfinden, in denen gar kein „normaler“ Unterricht gemacht wird?

Hierzu gibt es leider überhaupt keine offizielle Stellungnahme. Wir warten eigentlich auch darauf, dass von der Landesregierung eine Regelung getroffen wird. Die einzige Regelung, die es bis jetzt gab und gibt war, dass in der Zeit vor den Osterferien im Wechselunterricht keine Klassenarbeiten geschrieben werden sollten. Das ist eigentlich nach wie vor Stand der Dinge, da hat es keine Änderungen gegeben. Zudem hieß es in dieser Verordnung, dass man nur noch zwei von ursprünglich drei Klassenarbeiten schreiben soll. Das wird jetzt natürlich zeitlich auch ein Riesenproblem, insbesondere wenn wir im Wechselunterricht bleiben. Ich kann mir das fast gar nicht vorstellen, dass das in der Form noch durchführbar ist für diese restliche Zeit, die uns noch bleibt, insbesondere weil wir auch gar nicht wissen, ob wir nicht nächstes Woche schon wieder über einer Inzidenz von 200 liegen und dann wieder im Distanzunterricht landen.

Insofern habe ich das Gefühl, dass man die Klassenarbeiten jetzt irgendwann einfach nachrangig behandeln muss und sich um Ersatzformate bemühen sollte. Das wird bei uns in der Schule auch teilweise gemacht, indem z.B. Tests über Moodle oder ausführlichere Hausarbeiten anstelle einer Arbeit geschrieben werden. So versucht man, in irgendeiner Form eine schriftliche Leistungsbewertung zu finden, die einer Klassenarbeit entsprechen kann. Ich vermute ohnehin stark, dass am Ende des Schuljahres wieder jeder versetzt wird. Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass man da zu anderen Regelungen findet, als im letzten Jahr, wo auch jeder regelversetzt wurde.

Viele Schüler haben seit Monaten keine Arbeit oder Klausur mehr geschrieben, Prüfungen stauen sich, über viele Themen werden keine Arbeiten geschrieben. Ist es dieses Jahr überhaupt möglich nachvollziehbar zu benoten?

Na ja, Noten geben kann man schon, weil die Leistungen aus dem Distanzunterricht absolut bewertungstauglich sind. Ich habe noch nie so viele schriftliche Arbeiten außerhalb von Klassenarbeiten korrigiert wie in den Distanzunterrichtszeiten. Da waren ja praktisch jede Woche eingereichte Aufgaben, die dann auch korrigiert und bewertet worden sind. Zudem kann man für die Wechselunterrichtsphasen mündliche Noten geben. Insgesamt wird es natürlich eine andere Art von Note sein als die, die wir bislang gewohnt waren, in die zu 50 Prozent die schriftlichen Klassenarbeiten und zu 50 Prozent die sonstige Mitarbeit eingegangen ist.

Das Land hat für jeden Schüler zwei Tests pro Woche versprochen, das Kalkuhl vertraute nicht darauf und ging einen anderen Weg: Ein privater Anbieter führt am EKG Spuck Tests durch. Sind diese besser als Selbsttests? Und vor allem: Was macht das Kalkuhl mit den Selbsttests vom Land?

Wir haben vor den Ferien eigentlich nur wenige geschickt bekommen. Alle, die wir erhalten haben, haben wir vor den Ferien an euch Schüler ausgegeben. Jetzt haben wir tatsächlich ein paar mehr. Wir haben uns aber dazu entschieden, dass nur die Oberstufe diese Selbsttests macht, weil das Testzentrum im Forum gar nicht die Möglichkeit hat, zwei Tests für jeden durchzuführen, sodass nur die Sekundarstufe I. im Forum getestet wird. Insofern ist das eine gute Mischlösung, die sicherstellt, dass die Tests auch verwendet werden. Wir wären mit den gelieferten Tests bislang auch gar nicht in der Lage, alle mit zwei Selbsttests pro Woche zu versorgen. Wir werden versuchen, die Lieferungen auf ein Maß zu reduzieren, dass wir hier nicht zu einem Testlagerzentrum werden.

Das Land Nordrhein-Westfalen hat bereits angekündigt eine Testpflicht für den Wechselunterricht einzuführen. Für wie sinnvoll halten sie das, haben sich wirklich zu wenige testen lassen?

Hier muss man auch wieder sagen, dass Politik nicht für einzelne Schulen gemacht wird, sondern für alle Schulen des Landes. Ich glaube, für unsere Schule wäre es nicht notwendig gewesen, eine Pflicht einzuführen. Die Bereitschaft, sich zu testen, war sehr groß. Wir haben das ja am Anfang mit freiwilligen Tests gemacht und es gab nur ganz wenige, die nicht mitgemacht haben. Die haben sich dann aber oft zumindest zu Hause getestet.

Das Testen trägt sicherlich dazu bei, dass man mehr Sicherheit im Umgang miteinander gewinnt, wenn wir uns zweimal die Woche verpflichtend testen lassen.

Waren bisher ja auch alle negativ.

Bisher waren alle Tests negativ.

Das EKG war als eines der ersten Bonner Gymnasien von Coronafällen betroffen, doch seit dem Frühjahr gab es am Kalkuhl kaum bis gar keine Coronafälle. Woran liegt das? Haben wir nur „Glück“ gehabt?

Das ist eine sehr gute Frage. Also natürlich haben wir Glück gehabt. Weil, anstecken kann man sich halt immer und überall. Wir haben ja auch ein paar mehr Fälle gehabt als die, die jetzt tatsächlich bekannt geworden sind. Wir hatten da tatsächlich insofern immer Glück, weil das dann eben Schülerinnen und Schüler waren, die sich z.B. am Ende der Ferien angesteckt haben und dann gar nicht erst in die Schule gekommen sind oder kurz vor dem Wochenende. Oder solche Sachen waren teilweise dabei, wo die dann glücklicherweise direkt zu Hause gewesen sind, zu dem Zeitpunkt, wo sie die Erkrankung festgestellt haben. Insofern glaube ich tatsächlich, es ist zum einen Glück, zum anderen denke ich aber auch, dass wir ja da doch eine sehr disziplinierte Schülerschaft haben. Dafür bin ich auch sehr dankbar. Denn wir haben ja überhaupt keine Probleme mit Masken tragen und diesen Dingen.

Also das wird ja eigentlich sehr gut eingehalten und die Schüler geben sich Mühe, da jetzt sich nicht in riesigen Gruppen da irgendwo aufzuhalten. Also ich glaube, dass das natürlich auch das ein Stück weit dazu beiträgt, dass wir versuchen, uns gegenseitig auch zu schützen. Und das finde ich einfach auch sehr, sehr positiv und sehr gut, dass die Schülerschaft auch hinter den Maßnahmen steht und sie mitträgt und darauf achtet, dass sie eingehalten werden. Insofern ist es vielleicht so eine Kombination aus Glück und Disziplin.

Aufgrund der Pandemie leiden viele Schüler unter Depressionen und anderen psychischen Erkrankungen. Der Ort Schule fehlt. Was kann die Schule tun, um dieser Entwicklung entgegenzuhalten? Sieht man das als Problem?

Das ist sicher ein Argument, weshalb es trotz der von mir beschriebenen Unzulänglichkeiten des Wechselunterrichts gut ist, dass es ihn gibt. Genau diese sozialen Aspekte spielen eine große Rolle. Das Miteinander von Schülern, die Möglichkeit der Begegnung, ist sicherlich etwas, was für viele ungeheuer wichtig ist. Deswegen ist es gut, dass die Schüler nächste Woche wieder in die Schule kommen können. Wir haben uns natürlich auch für diese Fälle, die du beschrieben hast, also für diejenigen Schülerinnen und Schüler, bei denen ganz eklatant auch die Psyche betroffenen ist, Konzepte überlegt. Wir haben unsere Beratungslehrer und Frau Lampe, die ja bei uns für die Betreuung in psychosozialer Hinsicht zuständig ist, eingeschaltet und involviert. Die SV war eingebunden in eine Aktion, da ihr wahrscheinlich mitbekommen habt. Die dabei angefertigten Zettel werden nächste Woche auch ausgehängt, sodass man sich ein bisschen ein Bild davon verschaffen kann, wie die Pandemie so in der Schülerschaft empfunden worden ist.

Leider ist natürlich auch klar, dass gar nicht alle Probleme sichtbar werden. Insofern sind da auch die Mitschüler sehr gefragt, die vielleicht in den sozialen Medien an der einen oder anderen Stelle viel besser als wir Lehrer und vielleicht sogar auch besser als die Eltern mitbekommen, wie sich die Mitschüler fühlen. Wenn solche Fälle, bei denen ganz stark die Psyche belastet ist, auftreten und Mitschüler das erfahren, ist es sicherlich ganz wichtig, dass man sich vertrauensvoll an die Beratungslehrer oder auch an Frau Lampe wendet und von denen erzählt, über die man sich große Sorgen macht. Für uns ist es im Moment einfach so schwierig, weil wir unsere Schülerinnen und Schüler so selten sehen und vieles von dem, was da hinter den Kulissen alles passiert, einfach gar nicht mitbekommen.

Das Interview wurde am Donnerstag, 15.04.2021 von Dan Ioffe geführt.

Für eine bessere Lesbarkeit wurde der Originaltext bei unverändertem Inhalt gekürzt.

Vor der Veröffentlichung dieses Beitrags wurden die getätigten Aussagen von unserem Gesprächspartner überprüft. Dieses Verfahren ist in Medien üblich und dient dazu, dass der Interviewte seine Aussagen vor der Veröffentlichung ansehen und notfalls korrigieren kann. Herr Wittrock hat keine inhaltlichen Änderungen vorgenommen.

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Dan Ioffe

Chefredakteur der Schülerzeitung am EKG. Leiter Ressort Social Media / Politik und Nachrichten.

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