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»Jeder kann sich hier in Kunst verlieben«

»Jeder kann sich hier in Kunst verlieben«
Arno Beck, Likespeed, 2019, Letterpress-Druck

Verirrt man sich in der Bonner Innenstadt, stößt man vielleicht auf ein etwas gräuliches Gebäude am Hochstadenring. An der Wand prangt »Bonner Kunstverein« und »Artothek«. Wer sich für Kunst begeistert, ist hier genau richtig. Hinter der Tür verbergen sich über 2.000 Werke von über 600 Künstlern, darunter Joseph Beuys, Kalkuhl Absolvent Jörg Immendorff und Christo.

Die Artothek (mitte) von außen

Das Besondere: die Werke kann man ausleihen, und das sehr günstig. 6 Euro kostet die Leihe für 2 Monate, bis zu 6 Monate lang ist eine Leihe möglich.

KalkuhlSZ-Redakteur Dan Ioffe hat mit der Leiterin der Bonner Artothek, Heike Kirchhoff, gesprochen.

Moderne Kunst

Die Werke von Beuys sind prominent links platziert

Im Bonner Kunstverein laufen gerade die Umbauarbeiten zur neuen Ausstellung, als Frau Kirchhoff mir die Artothek zeigt. In einer Reihe von Schiebeschränken finden sich hier hunderte Druckgrafiken, Zeichnungen, Fotografien, Künstlerplakate und Malereien, eingerahmt und aufgehängt, der Rest liegt im Lager. Vierhundert Stammkunden kommen hier donnerstags und samstags hin, um die dreihundert Kunstwerke sind aktuell verliehen, erzählt sie mir während sie eine Schublade voller Karteikarten öffnet. Die Digitalisierung dauert an, ein Teil ist bereits übertragen.

Hinten wird die Kunst zur Mitnahme verpackt

Dabei ist die Artothek alles andere als rückständig, so das Selbstverständnis. Die Sammlung beinhaltet fast nur zeitgenössische Werke von den 60ern bis zur Gegenwart. Frau Kirchhoff zeigt ein Kunstwerk von Arno Beck, eine Emoji-Schlange mit Herz-Emojis als Augen. Hinten befindet sich ein »Fight Aids« Bild von Keith Haring aus den 1980er Jahren. Man nehme nicht jedes Werk, betont sie.

Arno Beck, Likespeed, 2019, Letterpress-Druck

Die Kunst, sie stammt aus Spenden, zeitlich begrenzten Leihgaben und Dauerleihgaben. So habe etwa die Sparkasse eine große Menge von Werken zeitlich unbefristet bereitgestellt.

Künstler: Keith Haring: Ignorance=fear, 1989, Künstlerplakat

»Schule des Sehens«

Eine Vitrine zeigt den Besuch von Joseph Beuys im Bonner Kunstverein.

Die Idee der Artothek sei Kunst niederschwellig an die Menschen zu bringen, erzählt Frau Kirchhoff. Kunst müsse nicht teuer und schwierig zu verstehen sein. Jeder, egal ob mit oder ohne Vorkenntnisse könne sich hier in ein Werk verlieben und es sehr günstig ausleihen. Die Kundschaft sei entsprechend unterschiedlich. Von Schülern und Studenten über Familien bis zu Rentnern sei alles dabei.


»Dialog mit der Kunst«


Manchmal, lacht sie, seien Wohngemeinschaften in der Artothek und diskutierten eine Stunde über das richtige Bild. Danach ruft eine Familie an und fragt, ob man vorbeikommen könnte.

An der großen Auswahl von den unterschiedlichsten Werken und Farben könne man auch seine Sinne schärfen, in den Dialog mit der Kunst treten. »Schule des Sehens« nennt Frau Kirchhoff das.

Bild von Claude Sandoz, Blauer Stern, 1984, Lithografie

Kunst und Corona

Der Künstler Victor Bonato hat die Börsenseiten der FAZ mit zerschnittenen D-Mark Scheinen gefüllt und betitelt das Werk: Lohn der Arbeit. Eine Collage aus dem Jahr 2001

Auch die Artothek war von den Einschränkungen der Pandemie betroffen. Mal beschränkt geöffnet, mal geschlossen, mal mit Terminpflicht. Auch Kunst zur Pandemie gebe es, sagt Frau Kirchhoff. Kunst über Einsamkeit, Leben ohne soziale Kontakte und – wie auch sonst – berühmte Werke mit Maske verziert. In der Artothek selber gebe es noch keine solche Kunst, aber das könnte sich nach der Pandemie ändern, sagt sie.

Gewappnet für die Zukunft

Auf der eigenen Website, sagt sie, gebe es für Mitglieder bereits viele Kunstwerke digitalisiert. Neben vielen verfügbaren Details und Beschreibungen könne man hier auch ein Kunstwerk reservieren. Insgesamt gebe es viel Organisatorisches zu tun, berichtet die Leiterin der Artothek. Die Artothek muss mit wenig Geld auskommen, Frau Kirchhoff ist die einzige Mitarbeiterin. Hin und wieder gibt es Hilfe. Wie in der ersten Ferienwoche, da hat Kalkuhl Schülerin Rosa Welteroth ein Praktikum gemacht.

Joseph Beuys, Multiples, 1973, Künstlerplakat

Im Praktikum durfte sie alles machen, war überall eingebunden, sagt die Neuntklässlerin.


»Ich habe einen Einblick in die Kunst gekriegt und hab auch viel interpretiert. Ich durfte die Ausstellung sehen, die der Kunstverein anbietet und durfte meine Meinung zu der Ausstellung sagen. Außerdem habe ich auch einen Einblick in die Finanzen usw. bekommen. Zum Beispiel wie viel verdient die Artothek, wie viel kostet ein Kunstwerk, wenn man es ausleihen will. Also so ziemlich alles, ich habe auch Rechnungen geschrieben, habe Geld gezählt, kopiert. Es kamen ja auch Kunden und dann durfte ich das Bild, was sie ausleihen wollten einpacken und wenn es zurück sollte in die Galerie gehängt. Sauber gemacht hab ich auch.«

Rosa Welteroth

Im Kunstverein laufen die Umbauarbeiten

Am ersten Tag habe sie ein Interview begleitet.

»Also mir hat das Praktikum ziemlich gut gefallen. Ich fand das cool, dass ich bei dem Praktikum einen Einblick ins Geschäftliche gekriegt habe aber auch in den Kunst- und Kulturbereich. Und es ist interessant zu sehen welche Bilder da so hängen und diese zu begutachten.«

Das Praktikum sei eine Alternative gewesen, gefallen habe es ihr aber trotzdem. Der Kontakt sei über ihre Mutter zustande gekommen, sie selbst interessiert sich sehr für Kunst und wollte mehr darüber lernen.

Sie interessieren sich für ein Praktikum bei der Artothek oder wollen Kontakt aufnehmen? Hier finden sie die Website und die E-Mail-Adresse.

Dan Ioffe

Chefredakteur der KalkuhlSZ

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